Wie die Künstliche Intelligenz den heutigen Journalismus erobert
(Audio Teaser) …
Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Zukunftsthema – sie ist im journalistischen Alltag angekommen. Ob Recherche, Transkription oder automatisierte Meldungen: Redaktionen nutzen KI zunehmend als Werkzeug. Doch wo liegen ihre Chancen, wo ihre Risiken – und welche Rolle bleibt dem Menschen? Zwei Stimmen aus Schweizer Medienhäusern zeigen, wie stark sich der Journalismus bereits verändert hat.
Ein Beitrag von Leandro Baumann und Wladik Belotti, 26.04.2026

Wenn Algorithmen mitarbeiten
Was früher Stunden dauerte, erledigen heute KI-gestützte Tools in wenigen Minuten. Recherchen werden beschleunigt, Interviews automatisch transkribiert und grosse Datenmengen effizient ausgewertet. Für viele Journalistinnen und Journalisten ist KI deshalb längst Teil des Arbeitsalltags.
Jan Meier*, Project Manager und AI Researcher bei CH Media, beschreibt den Wandel deutlich: Vor wenigen Jahren waren Aufgaben wie Archivsuche oder Transkription zeitintensiv und manuell geprägt. Heute übernehmen intelligente Systeme einen Teil dieser Prozesse.
Auch im Sportjournalismus ist die Entwicklung spürbar. Marco Oppliger, Sportredaktor bei Tamedia, nutzt KI vor allem zur Themenfindung, für erste Recherchen und zur Strukturierung von Informationen. Tools wie automatische Zusammenfassungen oder Teaser-Generatoren liefern Inputs, die seine Arbeit erleichtern – ersetzen sie jedoch nicht.

Die Chancen: Mehr Zeit für das Wesentliche
Die grösste Stärke von KI liegt in ihrer Effizienz. Routineaufgaben lassen sich automatisieren, Prozesse beschleunigen und Inhalte schneller aufbereiten. Das schafft Raum für jene journalistischen Leistungen, die nicht automatisierbar sind: Analyse, Einordnung und kritisches Denken.
Gerade datenintensive Recherchen profitieren von KI. Informationen können schneller gesammelt, sortiert und ausgewertet werden. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten, komplexe Themen verständlicher und präziser aufzubereiten.
Für Medienhäuser wie CH Media ist KI deshalb nicht nur ein Hilfsmittel, sondern ein strategischer Schwerpunkt. Eigene KI-Toolboxen bündeln Anwendungen für Recherche, Übersetzungen, Textfeedback und Archivarbeit. Ziel ist es, früh Erfahrungen zu sammeln und technologische Entwicklungen aktiv mitzugestalten.
Wo KI an ihre Grenzen stösst
Trotz aller Fortschritte bleibt KI fehleranfällig. Falschinformationen, Verzerrungen in Daten oder ungenaue Zusammenfassungen können problematisch werden – insbesondere im sensiblen journalistischen Umfeld.
Beide Experten betonen deshalb die Bedeutung menschlicher Kontrolle. Inhalte, die von KI unterstützt oder automatisiert erstellt werden, müssen überprüft, eingeordnet und kritisch hinterfragt werden.
(Audio Marco Oppliger)
Marco Oppliger, Sportredaktor bei Tamedia. Quelle: Aufnahme Interview, SRSP 02
Besonders deutlich wird dies beim Thema Vertrauen. Journalistischer Inhalt lebt von Glaubwürdigkeit. Wird ein vollständig KI-generierter Text ohne Transparenz veröffentlicht, kann dies das Verhältnis zur Leserschaft nachhaltig beschädigen.
Marco Oppliger formuliert es klar: Der journalistische Satz müsse dem Menschen gehören. KI dürfe unterstützen, aber nicht die Verantwortung übernehmen.

Deepfakes, Bias und Desinformation
Eine der grössten Herausforderungen liegt im Missbrauch von KI. Deepfakes, manipulierte Inhalte und algorithmische Verzerrungen erschweren die Einordnung von Informationen.
Zwar existieren Tools zur Erkennung solcher Inhalte, doch ihre Zuverlässigkeit ist begrenzt. Umso wichtiger werden transparente Prozesse und die Nutzung verlässlicher Quellen.
Auch sogenannte Bias-Probleme bleiben relevant. KI-Systeme reproduzieren häufig Muster aus ihren Trainingsdaten. Deshalb ist die Qualität der zugrunde liegenden Daten entscheidend.
Für Redaktionen bedeutet das: KI kann nur so gut sein wie die Daten, mit denen sie arbeitet – und die Fragen, die Menschen ihr stellen.
Die Zukunft: Zusammenarbeit statt Ersatz
Wird KI Journalistinnen und Journalisten ersetzen? Die Einschätzungen fallen eindeutig aus: Nein – zumindest nicht vollständig.
Vielmehr zeichnet sich eine Arbeitsteilung ab. Kürzere Meldungen, standardisierte Inhalte oder datenbasierte Routineberichte könnten künftig stärker automatisiert werden. Hintergrundrecherchen, Reportagen und investigative Formate bleiben hingegen menschliche Kernaufgaben.
Die Zukunft des Journalismus liegt damit nicht in der Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine, sondern in ihrer Zusammenarbeit.
KI wird Prozesse verändern, Rollen verschieben und neue Kompetenzen verlangen. Entscheidend bleibt jedoch, dass journalistische Verantwortung nicht delegiert wird.
“Mir als Journalist gehört immer der Satz”
-Marco Oppliger, 2026
Künstliche Intelligenz verändert den Journalismus tiefgreifend. Sie macht Arbeitsprozesse schneller, effizienter und eröffnet neue Möglichkeiten in Recherche und Produktion.
Gleichzeitig bringt sie Risiken mit sich: Fehler, Manipulation und Vertrauensverlust sind reale Herausforderungen.
Die zentrale Erkenntnis bleibt deshalb: KI ist ein Werkzeug – kein Ersatz für journalistisches Denken.
Der Journalismus der Zukunft wird technologischer sein. Doch seine wichtigsten Werte bleiben menschlich: Verantwortung, Einordnung und kritische Reflexion.